„Die Türkei hat ihr eigenes Kind verloren."
Geschrieben von Benjamin   

Ein lebloser Körper, bäuchlings auf dem Asphalt einer belebten Istanbuler Geschäftsstraße. Eine große Blutlache verrät die Ursache  des grausamen Anblicks...

 Provisorisch decken Polizisten den Leichnam mit einem weißen Tuch ab, die Schuhe schauen noch heraus. Hingerichtet mit drei hinterhältigen Pistolenschüssen in den Kopf direkt vor dem Verlagshaus seiner Zeitungsredaktion „Agos“.
Das ist das Schicksal eines 53-Jährigen Armeniers türkischer Staatsbürgerschaft, Journalist und Schriftsteller und wohl einer der größten Kritiker des Türkentums.

Hrant Dink starb, weil fanatische Nationalisten nicht akzeptieren wollen, dass man türkischer Staatsbürger sein kann, auch wenn man kein ethnischer Türke ist. Hrant Dinks großer Wunsch war es lediglich in der Türkei zu leben, in einer demokratischen Türkei. So wies er immer wieder auf das Vermächtnis Atatürks  hin,  dessen Intention es war, eine moderne Türkei als Willensnation zu gründen. Türke sollte nicht sein, wer türkisches Blut in sich trägt, sondern wer sich mit der Republik identifiziert. Das tat Dink.
Von den Nationalisten wurde dieser Mann gehasst. Ein Mord, als Warnung an alle, die in der Türkei offen ihre Meinung sagen. Wohlgemerkt in einem Land, das Ansprüche auf eine EU-Mitgliedschaft stellt. Eine Mitgliedschaft, von der auch Dink träumte, als eine weltoffene, tolerante und demokratische Nation.
Ein Mord, wohlgemerkt in einem Land, das den Völkermord an den Armeniern weiterhin leugnet. Aus diesem Grunde musste dieser Vorkämpfer der Meinungsfreiheit  und des armenisch-türkischen Friedens sterben.
 
Hrant Dink war ein „Feind der Türkei“. Unzählige Male wurde er der Missachtung des Paragraphen 301 des türkischen Strafgesetzbuchs angeklagt, der die „Verunglimpfung des Türkentums"  unter Strafe stellt und dessen Streichung die EU seit langem fordert. Im Gerichtsaal war er stets in der Höhle des Löwen ausgesetzt, verbal und tätlich drangsaliert und bedroht. Schließlich verurteilte ihn ein Richter „im Namen der türkischen Nation“ zu einer Bewährungsstrafe von sechs Monaten. Dink zog daraufhin vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Er wisse nicht, wie viele Jahre dieses Verfahren dauere, schrieb er. Nur wisse er, dass er bis zum Abschluss des Verfahrens in der Türkei leben werde.

Hrant Dink plädierte stets für ein verständnisvolles Zusammenleben von Türken und Armeniern. Grundlage dafür sei die Anerkennung der blutigen Verfolgung von Armeniern im Osmanischen Reich Anfang des 20. Jahrhunderts. Wegen seines Einsatzes für die armenische Minderheit in der Türkei wurde Dink im vergangenen Jahr mit dem Henri-Nannen-Preis für Pressefreiheit ausgezeichnet.

Geboren wurde Hrant Dink 1954 im ostanatolischen Malatya, wo Armenier 4000 Jahre gelebt hatten. In Istanbul wuchs er in einem Waisenhaus auf, in dem er seine spätere Frau Rakel kennen lernte. Er absolvierte ein Zoologiestudium und wurde Aktivist der türkischen Linken. Im Istanbuler Stadtteil Tuzla gründete er ein armenisches Kinderheim, das der türkische Staat später beschlagnahmte. Mit seinen zwei Brüdern gründete er einen kleinen Verlag, und am 5. April 1996 erschien zum ersten Mal seine zweisprachige armenisch-türkische Wochenzeitschrift „Agos“. Wenn man Vorurteile brechen wolle, müsse man in die Öffentlichkeit, hatte er damals seinen Schritt begründet.

Hrant Dink durchbrach die Mauer des Schweigens für eine Gleichberechtigung türkischer Minderheiten. Ein Paradebeispiel der Pressefreiheit und der Gleichberechtigung. Als Motivation weiterer Freiheitskämpfer? Vielleicht wurde er auch aus diesem Grund ermordet.
Steckt vielleicht sogar der Staat dahinter? Netzwerke im Untergrund der Türkei sollen angeblich immer wieder mit gezielten Provokationen dafür sorgen, dass die Türkei nicht zu weit nach Westen gerät und nicht demokratisch wird. Ein Mord, im Hintergrund von  türkischen Regierungskräften organisiert, um dem „großen Feind“ zum Schweigen zu bringen?

„Ich fahre zu meinem Onkel nach Istanbul.“ Mit diesen Worten verließ der 17-jährige Ogün S. das Elternhaus in der türkischen Schwarzmeerstadt Trabzon und machte sich auf die mehr als 1000 Kilometer lange Reise an den Bosporus, um Hrant Dink niederzuschießen. Ähnlich wie knapp vor einem Jahr, als  in Ogüns Heimatstadt Trabzon der italienische Priester Andrea Santoro hinterhältig in seiner Kirche erschossen wurde – von einem 16-jährigen Schüler.
Ich habe den Armenier totgeschossen!", soll der Todesschütze nach Aussage einer Zeugin nach der Tat gerufen haben, bevor er wegrannte.
Experten zufolge sei er gelockt worden, voraussichtlich mit Geld. „Ogün war ein sympathischer Junge“ wie sein Schwager berichtet. Jetzt ist er ein Mörder.

Dink wurde in den vergangenen Monaten mit Morddrohungen überhäuft. Ob am Telefon, per E-Mail oder  Drohbriefen. Er nannte es „Psychoterror“. Seine Furcht wurde gar so groß, dass er sich oftmals nicht einmal mehr auf die Straße traute. Wenn er sein Haus verließ schaute er sich immer häufiger um. Vergeblich!

Die Türkische Regierung reagierte erschüttert und betroffen auf den Vorfall. „Die Kugeln haben uns alle getroffen, ein abscheuliches Verbrechen“ nannte es Ministerpräsident Erdogan. An der Beerdigung Dinks nahm er jedoch nicht teil. Er ließ sich entschuldigen, da er einen Autobahntunnel zu eröffnen hatte. Wie auch der türkische Präsident Ahmet Necdet Sezer, der  den Anschlag zwar ebenfalls scharf verurteilte,  aber wie alle Spitzenpolitiker des Landes nicht an der Beerdigung teilnahm.

Am Abend des 19. Januars kam es schließlich zu Kundgebungen tausender Türken in Ankara und Istanbul. Mit Spruchbändern wie „Wir sind alle Hrant Dink, wir sind alle Armenier“ wurde dem Opfer Solidarität ausgesprochen und am mangelnden Personenschutz harsche Kritik geübt. Denn den hatte die türkische Polizei ihm stets vehement verwehrt.  Den acht Kilometer langen Beerdigungszug mit dem Sarg Hrant Dinks begleiteten hunderttausend Menschen.
„Die Türkei hat ihr eigenes Kind begraben“ hieß es in den türkischen Medien. „Hrant Dink ist die Türkei“. Ein Mann der Türken, der wohlgemerkt als Staatsfeind angesehen wurde. Man sprach gar von einem  „Verlust für den Prozess der Verwestlichung der Türkei“.
Hrant Dink hat nicht nur für die Armenier eine Rolle gespielt, sondern auch für fortschrittliche Türken. Der Anschlag auf ihn ist ein Anschlag auf die Demokratie und die Redefreiheit.
Der „Verräter“ ist tot. In Wahrheit wurde die Türkei verraten.

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