Ich bog um die Ecke und mein Blick versuchte noch eine
Vollbremsung vor zwei riesigen schwarzen Augen. Sie waren aufgerissen, ich fuhr
trotz Bemühungen anzuhalten voll rein.
Für eine Sekunde wirkte alles regungslos. Eine Kaskade an
Signalen durchsetzte meine Gedanken und Muskeln. Das Reh fixierte mich und
überließ sein Schicksal völlig meiner nächsten Handlung.
Ich glaube, dass ich mich deswegen nicht rühren konnte, weil
gleichzeitig ein Signal für „Wegrennen“ und eins für „Totstellen“ abgeschickt wurde.
Und das war gut so, denn sonst hätte ich die zweite Phase verpasst. Die Phase
in der die nun aufeinandersitzenden Blicke sich kurz berührten, und ich merkte
wie viel Scham von meinem Gegenüber ausging. Ich fasste mich innerlich beim
Kopf und fand im ‚Baukasten des Verhaltens’ das angemessene Klötzchen. Also
nickte ich respektvoll zu und verabschiedete mich mit einem freundschaftlichen
Lächeln.
Ich stieg die Kellertreppe hoch, drückte die Glastüren auf
und ging hinaus. Ich lief eine ganze Weile zu meiner Haltestelle und hatte nun
das Gefühl, dass ich einen unglaublich erhabenen Moment hatte miterleben
dürfen. Als zwei Freundinnen zur Haltestelle kamen, verhielt ich mich normal
und bewahrte das Geheimnis des Rehs für mich. Eine Zweisamkeit kann man eben
nicht auf mehrere Menschen aufteilen, so wie das mit einer Einsamkeit auch
nicht geht. Sie verliert sonst etwas.
Ich kann nur vermuten was hinter mir passierte, als ich mich
umdrehte und ging. Ich denke, dass das Reh nach einem gewissen zeitlichen Abstand
seine Schuhe wieder anzog und seinen Gebetsteppich einrollte und auch aus dem
Kellerarchiv der Unibibliothek hinausging.
Ich hatte das Reh schon öfter an meiner an meiner Uni
gesehen, aber es niemals als Reh wahrgenommen. Mir war klar, dass es ein bisschen
anders war als ich. Aber da ich aus einem Elternhaus komme, in dem schon immer
ein Umgang der Offenheit und Toleranz gepflegt wurde, hätte ich nie gedachte,
dass ich jemals in einen überfahrenden Moment wie diesen hineinschlittern
würde. Ich hatte ja nie vor gehabt jemals Jäger zu sein. Moral, Sitte und
Kultur waren für mich immer Spielwiesen, aber keine Jagdgründe.
Wäre da nicht die Scham gewesen, die plötzlich vor mir
entblößt worden war, wäre ich mir bis heute nicht sicher, wer von uns beiden
mehr Reh als Jäger gewesen war. Die Kugel des Schrecks und der Schrot der Unsicherheit traf
uns auf jeden Fall beide.
Mittlerweile weiß ich, dass die hintere Kellerecke in der
Unibibliothek der inoffizielle Gebetsort der muslimischen Komilitonen ist.
Mittags und nachmittags wird dort sehr oft gebetet.